Weihnachtsgeschichten

Wenigstens zu Weihnachten muss mal wieder was geschrieben sein…

Zumal es ja in den letzten Tagen, auch in Würzburg, merkwürdige Dinge zu bestaunen gibt. Da machen sich besorgte patriotische Europäer auf, um unser Land vor dem Islam zu schützen. Besonders eifrig tun sie das in Dresden, wo es besonders wenige Muslime gibt. Aber das ist ja normal – denn man fürchtet am Meisten das, was man am wenigsten kennt.

Ich habe lange überlegt, ob man dazu überhaupt was sagen soll. Oder ob man solche Dinge am besten nicht mal ignoriert. Aber andrerseits sind ja inzwischen auch alle wichtigen Menschen davon überzeugt, man müsse die Besorgnisse der Bürger im Lande draußen (wie man so sagt – aber was ist dann eigentlich drinnen?) ernst nehmen.
Dazu freilich müsste man sie kennen, vielleicht sogar spüren und verstehen.
Was aber sind diese Ängste und Sorgen? Ich rede mal von meinen:

Der Staat zieht sich zunehmend aus dem zurück, was man öffentliche Daseinsfürsorge nennt;
– dazu gehört das Gesundheitswesen (wird eifrig privatisiert und zu einer Art Gesundheitsmonopoly gemacht);
– dazu gehört der öffentliche Nah- und Fernverkehr (die Bahn wird zur Aktiengesellschaft – damit aber muss sie Geld verdienen. Eine der Folgen der Privatisierung haben wir ja in den Bahnstreiks erlebt: Weil da kaum mehr Beamte arbeiten, können sich Gewerkschaften ihre Machtkämpfe liefern, auf dem Rücken der Bürger);
– dazu gehört die Energieversorgung, also Strom und Gas und die dazu gehörigen Leitungen; sie sind in privater Hand (und diese Privatisierung hat nicht etwa, wie versprochen, durch Wettbewerb zu niedrigeren Preisen geführt, sondern zu stetigen Erhöhungen – wobei natürlich auch die satten Rabatte für Großkunden letzten Endes von den Bürgern bezahlt werden);
– die Renten sind nicht mehr sicher (das liegt daran, dass man der Rentenversicherung immer neue Lasten aufgeladen hat, die mit der eigentlichen Renten-VERSICHERUNG, in die man einzahlt, um etwas zurückzubekommen, nichts zu tun haben. Dafür hat man dann die Riester-Rente erfunden, bei der sich immer mehr zeigt, dass sie vor allem den Herren Schröder und Maschmeyer dient und anderen, die daran verdienen);
– dazu gehört auch, dass man sich weigert, die Bürger über die Folgen der Freihandelsabkommen ordentlich aufzuklären – und dass man da mal wieder einen Kniefall vor denen macht, die ohnehin alles machen, was sie wollen.

Es ließe sich noch manches anfügen: Die wachsende Kluft zwischen Reich und Arm, das nach wie vor die Reichen bevorzugende Erbrecht, der immer noch unvollendete Versuch, die Banken endlich an die Leine zu legen und Dinge wie zum Beispiel das Wetten auf steigende oder fallende Nahrungsmittelpreise oder auf Währungen zu verbieten und endlich für Spekulationsgewinne angemessene Steuern zu verlangen.
Ich will damit aufhören – aber wenigstens das noch: Wenn die wichtigen Menschen auf diese Fragen angemessene Antworten und für diese Probleme vernünftige Lösungen fänden, dann müssten sie sich nicht auf eine Diskussion um Islamismus in Deutschland und Überfremdungsängste einlassen. Denn diese Ängste sind nichts anderes als eine Art Blitzableiter, eine Art Sündenbockspiel angesichts von Dingen, gegen die zu Recht protestiert werden könnte.

Die Asylbewerber jedenfalls, Menschen, die zum Teil schlimmste Schicksale haben, die in vielen Fällen gerade mal eben dem Tod entronnen sind und meistens schmerzhafte Verluste erlitten haben, die sind nicht schuld an unseren Problemen.

Genug davon. Es ist schließlich Weihnachten. Und deswegen noch eine Geschichte zum Fest der Liebe – eine Geschichte, die mein Bruder geschrieben hat (der mir ihre Veröffentlichung erlaubt hat und dem ich dafür, mehr aber noch für diese Geschichte, danken möchte).

Die Geschichte von der Krippe

Es ist eine wunderschöne Krippe, die man da hinter Glas sehen kann auf dem Weihnachtsmarkt. Ein kleiner schwarzhaariger Junge drückt sich an der Glasscheibe davor die Nase platt. Es ist dämmrig, die Weihnachtsbeleuchtung taucht die ganze Straße in warmes Licht, der Duft von gebrannten Mandeln, Bratwürsten und einem Hauch Glühwein liegt in der Luft, während ein nasskalter Wind um die Buden weht. Neben ihm steht seine Mutter. Sie trägt ein Kopftuch, so, wie es unsere Großmütter auf den Dörfern immer getragen haben. Da dreht sich Jusuf, so heißt der Junge, zu seiner Mutter um. „Mama, schau doch“ ruft er – aber er ruft das nicht auf Deutsch, sondern in einer anderen, fremden Sprache. „Mama, schau doch – da sind wir!“ Aufgeregt deutet er auf die Figuren hinter dem Glas.
„Du auf unserem Esel und mich hältst du fest und daneben läuft Papa. Er hat einen Rucksack auf und das Bündel mit unseren Kleidern in der Hand.“ Die Mutter schaut nun auch neugierig auf die Figuren. „Mama, da sind auch Bäume wie bei uns zu Hause!“ Dann kneift der Jusuf die Augen zusammen um genau sehen zu können: „Und schau nur – das ängstliche Gesicht, wie du. Die müssen auch fliehen. Aber ich sehe gar keine Soldaten. Wie wir geflohen sind waren doch immer Soldaten da und es hat geknallt.“ Jusuf schnieft und reibt sich mit der Hand über die Augen. Die Mutter legt ihren Arm um ihren Jungen und drückt ihn an sich. Sie sagt nichts.
Jusuf kann sich gar nicht von der Szene hinter der Glasscheibe losreißen. „Mama, da oben ist auch ein Engel. Der passt auf uns auf. Du hast ja immer gesagt, dass ein Engel Allahs auf uns aufpasst. Aber unterwegs hab ich ihn nie gesehen.“ Mit leiser Stimme antwortet ihm jetzt die Mutter: „Siehst du Jusuf, wie ich dir gesagt habe. Und wenn der Engel nicht aufgepasst hätte, wären wir nicht gesund hierhergekommen, sondern …“ sie schluckt den Rest des Satzes hinunter. „was – sondern Mama? Du meinst wie Tante und Onkel – und Papa?“ Jusuf reibt sich wieder über die Augen. „Ja“ sagt die Mutter tonlos. „Mama, hat auf die kein Engel aufgepasst?“ Die Mutter antwortet nicht. Sie sagt bloß: „Es ist so kalt hier. Gehen wir zurück zu den anderen.“ Jusuf wirft noch einen Blick auf die Figuren hinter der Glasscheibe; das Bild kommt ihm vor wie die eigene Flucht aus seinem Dorf.
„Mama, wieso stehen hier Figuren so wie wir? Hier ist doch alles ganz anders als zu Hause.“ – „Das weiß ich nicht“, sagt die Mutter und beugt sich zu Jusuf hinab. „Und fragen kann ich auch niemanden. Uns versteht hier doch keiner.“
Jusuf dreht sich zu seiner Mutter um – und schaut sich um – und merkt erst jetzt wieder, dass sie ja weit weg von seinem Dorf sind, in Deutschland – und alles ist ihm fremd.
„Aber Mama, hier schießen sie nicht auf uns. Das ist doch toll, oder?“ und Jusuf nimmt die Hand seiner Mutter und zieht sie weiter.
Eine Stunde später stehen sie vor der Asylunterkunft. Sie sind müde und ausgefroren.
Kaum hat Jusuf drinnen Jacke und Mütze ausgezogen, springt er zur Tür. „Mama, ich frag mal, ob mir jemand etwas über die Figuren erzählen kann.“ Schon zwei Türen weiter trifft er einen alten Mann der ihm helfen kann. „Komm Jusuf, setzt dich her. Ich kenn die Geschichte. Es ist eine Geschichte die sich die Christen hier erzählen.“ Jusuf setzt sich an den Tisch, stützt die Ellenbogen auf und schaut mit großen schwarzen Augen neugierig zu dem alten Mann auf. „Komm, erzähl sie mir!“
Und der alte Mann beginnt zu erzählen: “Die Geschichte handelt von Isa – die Christen nennen ihn Jesus. Als er geboren wurde, gab es einen bösen König in Israel. Er hieß Herodes. Und dieser böse König wollte den kleinen Jesus umbringen lassen.“ Jusuf fällt dem Alten ins Wort: „Bei uns sind auch böse Männer gekommen!“ „Genau! Also Jesus und seine Mutter Maria und sein Vater Josef sind deshalb auch geflohen. Josef, im Koran heißt er übrigens Jusuf – wie du – ist im Traum der Engel Gottes erschienen und hat zu ihm gesagt, dass er mit seiner Frau und mit dem kleinen Kind fliehen soll – nach Ägypten. Mitten in der Nacht sind sie dann aufgebrochen und in Ägypten geblieben bis der böse König gestorben war. Dann sind sie zurück, aber in eine andere Stadt. Und später, als Jesus erwachsen war, ist er ein großer Prophet gewesen – wie Mohammed.“
Jusuf hat genau zugehört und schaut nachdenklich. Dann geht ein Lächeln über sein Gesicht: „Wenn die Christen diese Geschichte erzählen, dann wissen sie ja wie es ist, wenn man fliehen muss. Deshalb helfen sie uns. Das ist gut.“ Und Jusufs Augen glänzen.

Und dazu muss man dann eigentlich nichts mehr sagen. Außer vielleicht: Frohes und gesegnetes Weihnachtsfest!

 

 

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Über die falsche und die richtige Sprache

Gleich drei ausgesprochen interessante Meldungen lese ich in meiner Zeitung vom heutigen Samstag:
Kristina Schröder hat der ZEIT ein Interview gegeben, in dem sie sich zur Kindererziehung äußert. Auf ZEIT-online heißt es: „Beim Vorlesen von Pippi Langstrumpf etwa würde sie deren Vater nicht als „Negerkönig“ lesen, sondern „synchron übersetzen“, damit ihr Kind das diskriminierende Wort nicht übernimmt.“ Und über Jim Knopf sagt sie (laut MAINPOST), dass sie den Begriff „Negerbaby“ für ihn „synchron übersetzen“ wolle (vielleicht als „maximal pigmentierter männlicher Säugling“?). Und schließlich fügt sie noch hinzu, Gott könne man, wenn man sich denn entschieden habe, sowohl männliche als auch weibliche Attribute zuweisen. Wenn es nach ihr ginge, dann „könnte (man) auch sagen: das liebe Gott“. (zit. nach ZEIT-online v. 22.12.2012).
Dazu gehört dann auch die Reaktion vom Leiter des Kommissariats der katholischen Bischöfe in Berlin, Prälat Karl Jüsten. „Die Frage der Geschlechtlichkeit stellt sich bei Gott nicht. Es ist nur Gott.“ Sagt er. Um dann fortzufahren: „Für uns Christen ist Gott Person und keine Sache. Wir nennen Gott unseren Vater.“ Und bestätigt damit natürlich gleich, dass man sich Gott wohl doch eher männlich zu denken habe. (zit. nach MAINPOST v. 22.12.2012)
Außerdem „hat sich Papst Benedikt XVI. gegen die sogenannte Gender-Theorie gewandt. Deren „tiefe Unwahrheit“ sei „offenkundig“, sagte der Papst in seiner traditionellen Weihnachtsansprache vor der römischen Kurie. Diese Theorie betrachte das Geschlecht nicht als Vorgabe der Natur, sondern als soziale Rolle. Die Gender-Theorie führe zu einem Verschwinden der „Grundfiguren menschlicher Existenz“, betonte der Papst.
Wenn die festen Rollen Vater, Mutter, Kind fehlten, werde der Mensch als Ebenbild Gottes entwürdigt. „Wo die Freiheit des Machens zur Freiheit des Sich-selbst-Machens“ werde, führe dies „notwendigerweise zu einer Leugnung des Schöpfers selbst“.“ (zit. n. MAINPOST v. 22.12.2012)
Und was machen wir nun? Am besten ist es, wir lesen mal genau, eins nach dem anderen.
Frau Schröder meint, politisch korrekt sprechen zu müssen. Und sie befindet sich damit anscheinend in einer breiten Gesellschaft, denn bis in die Schulen hinein wird ja darauf geachtet, dass man sprachlich niemanden diskriminiert. Das ist schon recht. Bloß: Dass man den Begriff „Neger“ durch die von ihr genannten Beispiele ja aufwertet, indem man hier die damit bezeichneten Menschen geradezu als Helden und Vorbilder zeigt, das hat sie anscheinend übersehen.
Hinzu kommt, dass die meisten der „politisch korrekten“ Begriffe nichts anderes sind, als Schönfärberei. Dazu hat übrigens Harald Martenstein im Zeitmagazin wirklich so ziemlich alles gesagt, was man dazu sagen kann. (http://www.zeit.de/2012/51/Martenstein ). Also lassen wir das.
Denn es geht ja spannend weiter. „Das Gott“, der Gott, die Göttin. Nett. Aber – was soll das? Immerhin ist unsere Sprache so gestrickt, dass in ihr auch Dinge ein Geschlecht haben, bei denen damit sicher kein biologisches Geschlecht gemeint sein kann: Der Baum, sie Sonne und so weiter. Keiner käme auf die Idee, das Baum sagen zu wollen, oder? Das grammatikalische Geschlecht ist eben noch mal was anderes als das biologische.
Und bei Gott – naja. Dass man „der Gott“ sagt, das kenne ich von Kindern. Aber sonst? Da bleibt doch der Artikel eh´ weg. Und im Übrigen: Wie kann man von Gott reden, und damit wirklich „Gott“ meinen, indem man ihn männlich oder weiblich denkt? Ich weiß schon, in der Kirche wird oft so getan, als wäre Gott ein Mann. Und eine der Begründungen dafür, dass Frauen keine Priesterinnen werden können, ist ja die, dass Jesus nun mal ein Mann war. Bloß – das ist historische Zufälligkeit und kein göttliches Statement über die Würde der Geschlechter! Schließlich sind ja alle unsere Gottesbilder eben genau das: Bilder für etwas, das wir gerade nicht wirklich abbilden können. Und dass Gott verboten hat, sich ein Bild zu machen, das zeigt ja nur: Wer sich ein Gottesbild macht, der meint, über diesen Gott verfügen zu können und der kann dann eben auch die, die ein anderes Gottesbild haben als Heiden oder Falschgläubige oder Ketzer oder was weiß ich was verurteilen und gegebenen Falles auch verfolgen.
Und dann kommt der Papst. Wieder einmal muss man sagen: Er hat recht. Mann oder Frau – das sind nicht einfach soziale Rollen, das sind schlicht biologische Gegebenheiten. Wir wissen ja inzwischen, dass unsere genetische Ausstattung uns mehr bestimmt, als wir das gerne hätten – und wer das einfach leugnet, der schädigt Männer und Frauen gleichermaßen. Wir sind eben nicht gleich – weder als Männer noch als Frauen noch als Frauen und Männer.
Aber dann vergaloppiert er sich gleich wieder. Spricht von den „festen Rollen Vater, Mutter, Kind“, gerade so, als wäre das alles, was es da gibt und gerade so, als wären Menschen, die nicht als „Vater, Mutter, Kind“ leben, von Haus aus etwas Defizitäres. Das wäre ja sozusagen noch als typisch Papst abzuhaken. Aber dann kommt es: „Wo die Freiheit des Machens zur Freiheit des Sich-selbst-Machens“ werde, führe dies „notwendigerweise zu einer Leugnung des Schöpfers selbst“. Ich ahne, was er meinen könnte. Aber was sagt er? Dass die Idee der Selbstverwirklichung, die Idee, dass der Mensch sich selbst entwerfen und machen könne, zur Leugnung des Schöpfers führe.
Das glaube ich gar nicht. Denn auch wenn ich daran glaube, dass „Gott mich geschaffen hat mit allen Kreaturen“, wie Luther in seinem kleinen Katechismus schreibt, kann ich doch daran festhalten, dass ich mich selbst entwickeln kann. Das Problem bei diesem „Sich Selbst Entwickeln“ ist ein anderes: Es führt nämlich, konsequent durchdacht dazu, dass der Mensch erst dann etwas ist, wenn er etwas aus sich gemacht hat. Und dass deswegen alle die, die nichts aus sich machen (oder machen können) irgendwie keine kompletten Menschen sind.
Damit hat sich die Idee der Selbstverwirklichung an die Stelle der alten Frage nach der Rechtfertigung des Menschen geschoben – und genauso, wie Luther damals gegen den Zwang, sich vor Gott rechtfertigen zu müssen gewehrt hat, genauso müssen wir uns heute gegen den Zwang wehren, uns selbst erst schaffen zu müssen (was ja unter anderem auch zu all den merkwürdigen Versuchen führt, den eigenen Körper zu optimieren, Kleinkinder mit möglichst viel „Bildung“ vollstopfen zu wollen und sich selbst bis zum Burnout in der Arbeit zu verwirklichen).
Also, alles zusammen: Wir sind Menschen, weil wir Menschen sind. Wir sind Männer und Frauen (übrigens schuf Gott den Menschen nach seinem Bilde als Mann und Frau!) – und etwas anderes gibt es immer noch nicht. Manche sind auch Schwarz, manche Weiße – und wie man das dann nennt, das ist eigentlich egal, solange man das eben einfach anerkennt und respektiert und für ebenso richtig hält, wie das eigene Sein.
Und Gott – den lassen wir einfach Gott sein, ohne Artikel, wohl wissend, dass wir damit immer ein bestimmtes Bild produzieren, das nicht der Wirklichkeit entsprechen kann. Denn Gott (wie letzten Endes ja auch jeder Mensch) kann niemals festgelegt werden auf dies oder das und er kann auch niemals in einem Bild eingefangen werden.
Auch nicht übrigens im Bild von der Krippe oder vom Kreuz, auch, wenn Luther gesagt hat: So will Gott sich zeigen, so sollen wir ihn sehen und verstehen. Denn das Gott eben immer auch ganz anders ist, unverstehbar, fern und gewaltig, das dürfen wir nicht vergessen, so nahe er uns auch in diesem Kind und in diesem Manne kommt.

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Bitte keine Ökumene mehr! Jedenfalls nicht mit der Russisch-Orthodoxen Kirche

Es geht um das „Punk-Gebet“ von Pussy Riot“ in der Moskauer Christus-Erlöser-Kathedrale.
Drei junge Frauen haben sich dort, vor dem Allerheiligsten, niedergeworfen und dazu gesungen: „Mutter Gottes, verjage Putin.“
Ich gehe zwar nicht davon aus, dass ihnen dabei das Magnificat im Bewusstsein war. Aber es könnte ja sein (Gott) „ übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“ (Lukas 1, 51-53)

Und was macht die Kirche? „Wenn Russland ein solches Geschehen toleriert, dann heißt das, unser Volk steht nicht auf für Glaube und Vaterland“, so verkündet der Rat der orthodoxen Vereinigungen. Und Kirchensprecher Wsewolod Tschaplin erklärt, dass an Gottes Gnade gegenüber den drei Frauen erst zu denken sei, wenn sie ein Reuebekenntnis abgelegt hätten. Gott, so behauptet er, habe ihm das persönlich gesagt.

Abgesehen davon, auch abgesehen von der unerträglichen Verbindung von „Glaube und Vaterland“ ist das einfach unerträglich. Und wenn der Staatsanwalt dann in seiner 2000 Seiten starken Anklageschrift von „tiefen geistlichen Wunden für orthodoxe Christen“ spricht, dann zeigt sich nur zu deutlich, dass hier Staat und Kirche wieder mal eine Verbindung eingehen, die man endlich überwunden glaubte und die wie immer dem Menschen und dem Evangelium nur schaden kann. Was unterscheidet denn dieses Vorgehen noch vom Ausrufen einer Fatwa?

Diese Aktion der drei Frauen hat doch nur den einen Sinn, auf eben diese unerträgliche Verquickung von Präsident und Patriarch hinzuweisen, in der es nur darum geht, sich gegenseitig an der Macht zu halten.
Wie sonst sollte erklärbar sein, dass seit einiger Zeit ehemalig Geheimdienstler die Religion entdecken und dass höchste Staatsdiener sich wieder ein der Kirche zeigen?

Sicher, die orthodoxe Kirche mag das als einen Sieg sehen. Aber für das Evangelium von Gottes Gnade und Liebe, für die Botschaft von der Freiheit der Kinder Gottes ist das eine Niederlage – und deswegen ist es auch eine Niederlage für die Kirche, sofern sie sich noch als Kirche Jesu Christi verstehen will.

Wo sie das aber nicht mehr ist, wo sie sich also so aufführt und zeigt, da sollten Christen aller Konfessionen nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen, ehe sie selbst nicht Reue gezeigt und Buße getan hat.

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Herr Friedrich, lesen Sie mal in der Bibel! Besonders: Matthäus 20, 1-16

Unser Verfassungsgericht hat hinsichtlich der einem Asylbewerber zustehenden Leistungen ein sehr kluges, ja ein nachgerade biblisches Urteil gefällt. Die Richter haben erklärt, dass den Fremden genauso das Existenzminimum zu gewähren sei, wie in Not geratenen Deutschen. Damit hat das oberste Gericht nicht nur Recht gesprochen, sondern auch Gerechtigkeit geschaffen – und zwar eine Gerechtigkeit, die dem Menschen nicht gibt, was er verdient, sondern was er braucht.
Gerade so hat Jesus im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg die Gerechtigkeit Gottes beschrieben: Auch die Arbeiter, die nur wenige Stunden gearbeitet haben, bekommen am Ende den Lohn, der ausreicht zum Leben. Und er fragt nicht, ob die faul waren oder dumm, ob die Inländer sind oder Ausländer.
Deswegen ist dieses Urteil des Verfassungsgerichtes wirklich wegweisend: Es weist den Weg zu einer Gesellschaft, die erkennt, dass es in ihr nur dann wenigstens basal gerecht zugehen kann, wenn jeder das hat, was er zum Leben braucht.
Aber dann kommt unser Innenminister und erklärt, es müsse einen Abstand zwischen Hartz IV und dem an Asylbewerber zu zahlenden Betrag geben, damit nicht „noch mehr Wirtschaftsflüchtlinge“ in unser Land kommen.
Herr Friedrich gehört einer christlichen Partei an. Ich weiß, das heißt noch gar nichts. Aber vielleicht könnte man ihm ja doch das Gleichnis einmal vorlesen? Und erklären?
Ach ja, die Finanzierung! Vielleicht könnte man ja doch mal darüber nachdenken, denen, die weit mehr haben, als sie je wirklich verdienen können, etwas wegzunehmen?
Sie dürfen ja ruhig mehr behalten als das Lebensnotwendige. Aber das, was dem Leben schädlich ist, weil es zum ungezügelten Spiel an den Börsen verführt (was ja dann wiederum dazu führt, dass noch mehr „Wirtschaftsflüchtlinge“ kommen, weil in ihrem Land Lebensmittel auf Grund von Spekulationsgeschäften unerschwinglich werden), das sollte man wieder der Allgemeinheit zuführen, die ja erst die Voraussetzungen dafür schafft, dass Menschen überhaupt etwas verdienen können!

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Gottesdienst und Hochkultur

In der ZEIT habe ich einen interessanten Artikel zum Thema Kunst und Kultur, vor allem auch „Hochkultur“ entdeckt. Und mir war irgendwie gerade so, als würde da von der Kirche, vom Gottesdienst und von Vielem geredet, was wir in den Kirchen so machen, vor allem freilich in den evangelischen – aber auch die römische Kirche ist da nicht weit weg.

Aber – sehen wir mal.

Die Kultur , die Hochkultur vor allem, sei in der Krise, so stellt man fest. Einerseits, weil sie zunehmend Sparzwängen unterliegt, andrerseits, weil es immer weniger Menschen gibt, die damit „etwas anfangen“ können.
Aber: „Einige Literaturwissenschaftler werden … zu bedenken geben, schon Goethe habe das Ende der Hochkultur präzise vorhergesagt. In Wilhelm Meisters Lehrjahre werde die schöne alte Kunst in den »Saal der Vergangenheit« eingesperrt und sterbe – dem Leben entfremdet – leise vor sich hin. Doch Vorsicht: Die heutige Diagnose lautet nicht, dass die Hochkultur spurlos verschwinde. Sie lautet vielmehr: Sie ist allgegenwärtig, die Institutionen blühen – doch ihre Wahrheit verändert die Gesellschaft nicht mehr. Die Kunst ist nicht mehr das bevorzugte Medium kollektiver Selbstverständigung. … Genau diese Entwicklung hat der Literaturwissenschaftler Fredric Jameson schon vor dreißig Jahren vorhergesagt. Die »relative Autonomie« der Kultur, so schrieb er in einem berühmten Aufsatz, löst sich auf, sie bildet kein eigenes Universum mehr jenseits der Welt des Realen. Stattdessen fusioniert sie mit dem Lifestyle-Gewerbe, mit Ökonomie und Werbung, überhaupt mit den Agenturen der Unterhaltungsindustrie. Nicht länger, so Jameson, gehe es in der Kultur um die Produktion von Wahrheit, sondern um die Produktion von Ereignissen. Die Kultur, und darin besteht ihre neue Aufgabe, erzeugt Premium-Events, um den monotonen Gleichlauf der Gesellschaft zu unterbrechen. Kunst ist Spektakel – ihr Pastiche sorgt für Glamour am Abendhimmel der späten Moderne.“ http://www.zeit.de/2011/28/Assheuer-Hochkultur.
Man setze hier einmal Kirche oder Gottesdienst anstelle von Kultur oder Kunst ein – und man wundert sich. Hat man nicht auch der Religion, der Kirche vorhergesagt, sie werde verschwinden, weil sie eingesperrt sei, sich selbst eingesperrt habe in altertümliche Denk- und Handlungsweisen, weil sie nicht mehr zur modernen Zeit passe und dem Leben entfremdet sei?
Und ist es nicht doch so, dass sie einerseits allgegenwärtig ist (unter anderem deswegen, weil ihre Institutionen immer noch wirksam und Aufmerksamkeit erzeugend existieren), dass aber ihre Wahrheit die Gesellschaft nicht mehr verändert? Dass zwar nach wie vor erwartet wird, die Kirchen mögen doch bitte Werte liefern für unsere Gesellschaft, sie mögen doch bitte ihre Vertreter in allerlei ethische Kommissionen und in Rundfunk- und Fernsehräte senden, dass aber das, was sie ausmachen müsste, nämlich einen Raum zu schaffen für das, was über all das hinausgeht, also „Sinn und Geschmack für das Unendliche“ (Schleiermacher) zu vermitteln, gerade nicht erwartet wird. Man könnte also sagen, dass Religion und Kirche nicht mehr das „Medium“ einer „Selbstverständigung“ sind.
Kirche und Religion sind kein „eigenes Universum mehr jenseits der Welt des Realen“, sie werden verzweckt, zu Wertelieferanten degradiert, zu schmückendem Beiwerk gemacht – und nur bei allfälligen Katastrophen erinnert man sich daran, dass es da doch noch etwas zu sagen gibt jenseits von Nachrichten und wissenschaftlichen Erklärungen, jenseits von Polizei- und Börsenberichten.
So weit, so schlecht. Aber was machen wir damit? Ist es wirklich so: Die Kirche „fusioniert sie mit dem Lifestyle-Gewerbe, mit Ökonomie und Werbung, überhaupt mit den Agenturen der Unterhaltungsindustrie.“ ?
Bei vielen Veranstaltungen muss man das wirklich so sagen. Man betrachte nur die bisher angekündigten Veranstaltungen zum großen Reformationsjubiläum 2017 (http://www.luther2017.de/# ) – da wird jede Menge geboten, aber das, worum es 1517 gegangen ist, bleibt seltsam blass und undeutlich, ist eben vor allem Geschichte – und es ist Anlass, sich selbst zu feiern und endlich mal wieder medial ins Zentrum der Öffentlichkeit zu rücken.
Es scheint tatsächlich so zu sein: Auch in der Kirche geht es nicht länger „um die Produktion von Wahrheit, sondern um die Produktion von Ereignissen.“ Sie „erzeugt Premium-Events, um den monotonen Gleichlauf der Gesellschaft zu unterbrechen.“
Nun könnte man sagen: Okay, aber an der Basis, da ist das doch alles ganz anders. Da sind doch immer noch Gottesdienste und viele andere Veranstaltungen, die gar nicht so sind!
Wirklich?
»Das zentrale Kriterium künstlerischer Veranstaltungen«, schreibt Diedrich Diederichsen in seinem Buch Eigenblutdoping, sei nicht mehr »Kritik, Wahrheit oder Schönheit«, sondern das »Gelingen einer möglichst heiter vertriebenen Zeit«. Kunsterfahrung bekommt etwas Therapeutisches, sie dient der Herstellung von Gemeinschaftsgefühlen, von Atmosphäre und Präsenz, von Dabeisein und »Lebendigkeit«. http://www.zeit.de/2011/28/Assheuer-Hochkultur

Diesmal ersetze man die Begriffe Kultur und Kunst etc. durch Kirche und Gottesdienst – und dann hat man in vielen Fällen eine exakte Beschreibung dessen, was bei uns so gemacht wird. Die vielen Wohlfühl-Gottesdienste, die nahezu ohne Inhalt auskommen und wo am Ende meist als Konsequenz ein freundliches „Seid nett zueinander“ herauskommt; die vielen  Konfirmandenstunden, in denen man nicht mehr über Inhalte redet und sie sich erarbeitet, sondern in den Klettergarten geht; Abendveranstaltungen, Gruppen und Kreise, in denen es vor allem darum geht, sich wohl zu fühlen; Meditationsgruppen, wo man seine Lebendigkeit erfahren will – all diese Dinge, die man in den kirchlichen Gazetten beworben findet, sind nur allzu oft inhaltlich vollkommen beliebig und gänzlich banal.
Das mag eine gewisse Attraktivität haben – aber wo bleibt das „Ganz Andere“, die Frage nach Wahrheit und Schönheit, wo bleibt das eigene Universum jenseits des – angeblich – Realen?

Gehört also Kirche und Religion inzwischen in den Bereich der Popkultur, nicht mehr zur Hochkultur? Gelingt uns das wenigstens – immerhin, es wäre ja interessant! Denn: Die „Popkultur … wird nicht nur von jedem verstanden, sie entfaltet auch den ersehnten Glanz. Darum gibt es die Museumsleute und Regisseure, die um jeden Preis dem gusseisern Seriösen, dem Bürgerlichen der Hochkultur entkommen wollen. Das Ergebnis ist jene Eventkultur, die auch einer Ausstellung, einer Theaterinszenierung den Klatschfaktor und das Gepräge einer Party geben möchte. Die Kunst selbst genügt ihnen nicht mehr, es müssen auch eine exotische Location für die Ausstellung und Fernsehprominenz für die Inszenierung gefunden werden. Nirgendwo manifestiert sich das Misstrauen gegen die Hochkultur deutlicher als dort, wo ihre angestellten Verwalter selbst nicht mehr an sie glauben.“ http://www.zeit.de/2011/28/Hochkultur/seite-1
Ist es – von hinten angefangen – womöglich genau das, dass die angestellten Verwalter selbst nicht mehr an ihre Sache glauben? Nicht, dass sie nicht fromm wären und all das, aber sie vertrauen dem Wort nicht mehr, sie vertrauen mehr auf medialen Aufwand denn auf ordentliche Inhalte, mehr dem Event als der gründlichen Arbeit. Und dann steht mal wieder ein Berggottesdienst in der Zeitung oder der Besuch eines Politikers beim Gemeindefest.
Dabei hat doch der Gottesdienst, hat doch die Kirche immer noch mehr zu sagen als nahezu der ganze Medienbereich zusammen (Ausnahmen bestätigen die Regel – und natürlich kann man das nicht gegeneinander ausspielen, weil es dabei um grundlegend andere Dinge geht). Die Aufgabe der Religion, der Kirche, des Gottesdienstes ist es, das Leben und Denken offen zu halten für eine andere Wirklichkeit, Repräentation des Heiligen und des Unverrechenbaren zu sein, Gott in die Welt hinein zu sprechen – oder besser: Gottes Dasein in der Welt auszusprechen.

Damit wird aber noch etwas anderes berührt. Denn es geht bei diesem Offenhalten für eine andere als die alltägliche Wirklichkeit auch um Bildung. Wenn die nämlich nicht als Ausbildung missverstanden wird, dann gehört dazu eben auch das, was man altmodisch aber treffend Herzensbildung nennen kann. Sicher ist die Kirche keine Bildungsanstalt – und katechesierende Familiengottesdienste, in denen man sich in den Religionsunterricht der Grundschule versetzt fühlt, sind ja nun wirklich ein Greuel – aber : Bildung geschieht hier sehr wohl. Und, ohne hoch- oder übermütig werden zu wollen: Es geht da tatsächlich auch „um den intellektuellen Maßstab, der durch die Pflege der Hochkultur im Umlauf gehalten wird. Der Maßstab zeigt, auf welchem geistigen und ästhetischen Niveau die entscheidenden Momente menschlicher Existenz gedacht, gestaltet und in leuchtende Bilder überführt werden können. Es ist der Maßstab, von dem unsere Zivilisation lebt und ohne den die Gegenwart sofort vergessen würde, in welcher Gedankentiefe der Mensch seine Angelegenheiten spiegeln kann, sein privates Leben ebenso wie seine politischen Verhältnisse.“ http://www.zeit.de/2011/28/Hochkultur/seite-2 . Ersetzt  man wieder Hochkultur durch Gottesdienst, dann hat man eine solide Begründung nicht nur für ordentliche und inhaltlich verantwortete Gottesdienste sondern für die Kirche überhaupt, für den Religionsunterricht und für alles, was Kirche noch zu sagen hat, eine Begründung die meist leider außerhalb der eigenen Beschreibung liegt, als traute man sich nicht, solche Ansprüche zu stellen.

Wenn wir freilich selbst schon daran arbeiten, das aufzugeben, dann werden darunter nicht nur wir, dann wird darunter tatsächlich die ganze Gesellschaft leiden – wie halt auch dann, wenn Theater eingespart, Musik nur noch unter ökonomischen Aspekten betrachtet, Kunst und Kultur dem Diktat des Marktes überlassen und Religion der reinen Subjektivität überlassen wird.

Denn dann bleibt wahrscheinlich in allen Fragen, ob es sich um Kunst oder Religion handeln mag, wirklich nur noch das doch eher beliebige aber  „berühmte »Gefällt mir/Gefällt mir nicht« des Internets.“ http://www.zeit.de/2011/28/Hochkultur/seite-2

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Côte d´Azur

oder: Erinnerungen aus dem Urlaub

1. Man könnte sich vorstellen, Diogenes liefe mit seiner Laterne am Hafen von St. Tropez entlang, in der warmen Abendsonne. Und begegnete Karl Lagerfeld, leuchtete ihm ins gebräunte Gesicht, beleuchtete, fast gefährlich nahe, den dünnen, weißen Haarschopf, die ringglänzenden schwarzbehandschuhten Hände und sagte seinen Spruch: „Ich suche den Menschen“.
Wahrscheinlich würde der Modemensch ihm freundlich auf die Schulter klopfen: „Ja, ich weiß schon. Wie im alten Athen – und immer noch keiner zu sehen!“ Und lachend, kopfschüttelnd, setzte er sich zu einem Tomatensaft in die Brasserie.
Diogenes aber schritte weiter, entlang an den Schiffen, die Laterne schwingend. Und wenn er dann die Gangway beträte zu einem der Boote, weiter nach Menschen zu suchen, dann stünde da einer der Wächter, Arme verschränkt vor der kräftig breiten Brust und würde ihm erklären, dass er vergeblich hier leuchte.  Denn die Sonne des Südens brächte es an den Tag, dass hier seine Lampe gar nicht vonnöten, weil doch das Allzu-Menschliche hier, auf den Schiffen mit Heimathäfen wie Guernsey und Kingstown, Valetta und Nassau schon immer zuhause sei. Und ein paar von den Schönen und Reichen würden den traurigen Clown beklatschen; doch käme er näher und würde er weder betteln noch Essen und Frauen nehmen als Geschenk, sie würfen ihn zu den Fischen, lachend, und riefen: „Such doch da, du Tor, bei den Fischen – da mögen sie sein, deine Menschen“.
Und vielleicht – nur vielleicht, fände er dann, wieder an Land gezogen von hilfreichen Händen, in einem Stand hinter Töpfen und Pfannen, Seifen und Hemden, die eine oder den anderen, die nicht bloß auf zwei Beinen stehen und gehen, sondern auch aufrecht dem Leben zu begegnen wagen.
2. Leichter wäre die Suche dem Mann, käm er im alten Marseille, von dümpelnden Yachten weg, hinein in die Gassen der Stadt. Dort fände er Menschen in allen Farben und Formen, bloß nicht in der grünen und roten und blauen des Geldes, die täglich sich mühen, wenigstens abends den Bauch sich zu füllen. Und leuchtete er mit seiner Laterne unter die Brücken und in die düsteren Ecken vor Kirchen, wo kamerabewehrte Touristen über alte Schlafsäcke stolpern, so würde das Licht dort willkommen sein – nicht um Menschen zu finden, vielmehr um dem Dunkel ein kleines Leuchten abzutrotzen, das noch lange in den Augen widerschiene, die sonst nur im Trüben zu glänzen vermögen, die meist nur ein gieriges Glitzern zuwege bringen, für ein paar Cent, die den Andern vom Einkauf noch übrig geblieben.
Ob das dann schon Menschen sind? Frag´ es die Götter! Doch wenn sie´s nicht sind, so wissen sie´s doch immerhin und wünschen sich manchmal, sie wären´s, Lampe hin oder her, wären Menschen im Licht von Mond oder Sonne – egal, Hauptsache Menschen wärn sie und erkennten, sich spiegelnd im glänzenden Lack jener Dinge, die ihnen niemals auch nur träumend gehören können, sich selbst als Menschen.
3. Und käme der Weise zu uns, an die Tür, zur Terrasse, an unseren Tisch und leuchtete uns ins Gesicht – gebe Gott, er erkennte in uns und wir erkennten in ihm und im flackernden Licht der Laterne, dass wir schon angefangen haben, wenigstens das: angefangen!, Menschen zu sein.

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Aus(?)-Bildung??

Unsere derzeitige Diskussion über Bildung ist geprägt durch einen eklatanten Mangel derselben – sonst könnte es nicht geschehen, dass permanent und nahezu flächendeckend Bildung und Ausbildung gleichgesetzt werden.

Die gesamte Diskussion über PISA-Studien, Bildungspläne für Kindergärten, G-8-Reform Bachelor- und Masterstudiengänge, über Kompetenzorientierung ist nur auf die Ausbildung von möglichst leistungsfähigen, flexiblen, den Anforderungen des Arbeitsmarktes ohne kritische Nachfragen entsprechenden Absolventen ausgerichtet.
Das aber ist nicht Bildung sondern Ausbildung.
Die ist gewiss nötig, keine Frage – und der und die andere Bildungspolitiker/in würden vielleicht weniger Wortmüll produzieren, wenn er und sie eine ordentliche Ausbildung als Pädagogin oder Lehrerin oder Ähnliches hätten. So aber scheint es, dass schon seit Längerem völlig bildungsferne Ideen die Debatte bestimmen.

Beispiel Kindergarten: Es gibt eine Art Lehrplan für den Kindergarten – einen Erziehungsplan gibt es eher nicht mehr, und das in einer Situation in der immer mehr Kinder gerade Erziehung brauchen, um dann auch wirklich lernen und sich bilden zu können.
Französisch, Englisch im Kindergarten, gar Chinesisch? Warum nicht! Aber ohne dass die Kinder lernen, sich an Regeln zu halten, sich einer Gemeinschaft angemessen zu verhalten und Konflikte fair zu regeln macht das alles keinen Sinn – abgesehen davon, dass solch grundlegende Fertigkeiten wie das Falten eines Papierblattes, Schneiden mit einer Schere oder Malen u. U. durchaus wichtiger sein können.

Beispiel Grundschule: es werden immer noch eine Menge Fakten gelehrt, immer noch recht unverbunden. Zudem wird aber nun Wert auf Kompetenzen gelegt. Lesekompetenz, Gesprächskompetenz. Rechenkompetenz, Sozialkompetenz. Gut! Das war ja schon immer die Aufgabe der Primarschule, dass man danach Lesen, Schreiben, Rechnen und sich einigermaßen benehmen kann, dass man was über Land und Leute und die eigene Kultur weiß. Aber das braucht natürlich auch Inhalte, nicht bloß Kompetenzen – und die sind nicht beliebig und belanglos.

Beispiel Gymnasium: Es wird getestet ohne Ende, evaluiert und gemessen, die schulübergreifenden Test nehmen zu, wir werden bald ein eigenes Fach „Testkompetenz“ einrichten müssen, in dem dann die Schülerinnen und Schüler auf das vorbereitet werden, was man neuerdings für die geeignete Methode hält, Wissen und Bildung zu testen – auch wenn man gerade Bildung damit nun gewiss nicht messen kann.
Hinzu kommt, dass die neue Aufgabenkultur (auch so ein Unwort wie Fußballphilosophie!) häufig genug Aufgaben stellt, die ohne inhaltliches Wissen durchaus bearbeitbar sind – und deswegen auch in sich nebulös und, was die Beurteilung angeht, letztlich der Willkür unterworfen sein müssen.
Bildinterpretationen in Religion (aber bitte ohne kunstgeschichtlichen Bezug, dazu müsste man ja was wissen!), Aufgaben, deren Lösungen in den beiliegenden Texten wörtlich zu finden sind (Abschreibekompetenz? Guttenbergiade?), Essays über Themen, deren Simplizität oder Komplexität eine sinnvolle Bearbeitung nicht wirklich erlauben. Und dabei: Keine Diskussion über Inhalte. Keine Frage danach, ob denn die Schüler/innen zu selbstverantwortlich denkenden Subjekten ihres Lebens erzogen werden, gebildet werden sollen.

Und an der Universität – da hat man der Bildung komplett den Kampf angesagt; hier wird nur noch gebüffelt und gepaukt, werden „Creditpoints“ erworben, muss man in einem Semester genau diese oder jene Lehrveranstaltung besuchen und hat in der Regel so viele Stunden an der Uni zu verbringen, dass man kaum noch in der Lage und willens ist, andere, interessante Dinge zu lernen (sofern diese überhaupt noch angeboten werden und wenn man nicht die übrige Zeit darauf verwenden muss, sich die Studiengebühren zu verdienen).

Und wozu das alles? Damit am Ende, nach einer möglichst kurzen Zeit, Menschen die Universitäten verlassen, die funktionieren, die Kompetenzen besitzen, die man in der Wirtschaft braucht und die dann das jeweilige Unternehmen mit den je eigenen Inhalten füllen kann, Menschen, die es gelernt haben, ihre Arbeit just in time und ohne störende Neben- oder gar tiefere Gedanken zu verrichten. Damit allerdings liefert unser angebliches Bildungssystem der Wirtschaft genau jene Sorte Menschen, die unsere wirtschaftlichen Probleme verursachen.
Dass die jeweiligen Wirtschaftsverbände das anders sehen ist logisch.
Dass die Politik das nicht sehen kann oder will ist erklärbar – zu eng sind die persönlichen und dienstlichen Verflechtungen mit jenen, die Bildung zur Ausbildung degradieren wollen.
Dass aber unsere Universitäten und die Schulen, dass unsere Professoren und Direktoren, Rektoren und Lehrer, dass unsere Studenten und Schüler hier mitspielen und dass hier noch immer kein Aufstand ausgebrochen ist, das ist im Grunde nicht verstehbar.

Sapere aude! Endlich mal wieder! Es ist an der Zeit!

P.S.: Geschrieben, während ich zusammen mit einer Kollegin einen Abiturienten beim Schreiben seines Latinums beaufsichtigte. Auch ganz passend!

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